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Nihilartikel

Nihilartikel, auch U-Boote genannt, sind vorsätzlich falsche Einträge in Lexika, die als solche vom Leser mehr oder weniger schnell erkannt werden (sollen).

Die Kommunikationssituation ist dabei durchaus paradox: Das Nachschlagen im Lexikon setzt eigentlich eine Referenz außerhalb des Lexikons/in anderen Kontexten voraus, die aber bei einem erfundenen Lemma nicht gegeben sein kann. Der Artikel wird also im Idealfall nur nach dem Serendipity-Prinzip gefunden. Einfacher liegen die Verhältnisse, wenn zu einem plausiblen Lemma ein abweichender Eintrag gestellt ist. Ein Sonderfall ist die Übernahme/Umwidmung von (fiktiven) Begriffen oder Namen aus fiktionaler Literatur in das (nicht-fiktionale) Lexikon.

Es ist nicht immer ganz einfach, den Nihilartikel als solchen zu erkennen, insbesondere dann, wenn z. B. der Artikel in mehreren Lexika erscheint bzw. weitergeführt wird, so dass auch (Lexikon)kontexte eine Authentizität der Eintragung stützen/vortäuschen können.

Nicht selten gehört das Aufdecken von Nihilartikeln auch zum publizistischen Spiel der Lexikonredaktionen bzw. -verlage. Ein Spiel, das in einzelnen Fällen auch in weiteren Publikationen, auch erneut in Lexika, als Wissenschaftsparodie bzw. -satire weitergeführt werden kann.

Über unentdeckte Nihilartikel, insbesondere auch in älteren Werken, läßt sich nur spekulieren. "Insider vermuten, dass jedes Lexikon falsche Stichwörter enthält." (Katharina Hein o.c.)

Die (stilistische) Spannweite der in ihrem Erscheinungsbild uneinheitlichen Texte bewegt sich zwischen (scherzhafter) Parodie/Travestie, die in der Regel schnell, und dem imitativen Pastiche, das unter Umständen gar nicht durchschaut wird. Der Anteil von (erkennbaren) Elementen parodistischer Schreibweise kann sehr unterschiedlich sein und damit auch der Grad der parodistischen Differenz zum Original, eben zu üblichen Lexikoneinträgen bzw. zu der Textsorte Lexikoneintrag überhaupt, deren Schematismus in der Regel unangetastet bleibt. Biographische Artikel stellen dabei am deutlichsten eine Verknüpfung zu literarischen Texten her, wohl kein Zufall, dass unter den (bekannten) Nihilartikeln diese besonders häufig sind.

Eine weiter reichende (produktions- und wirkungsästhetische) Einordnung der Nihilartikel als Fakes könnte ausgehen von Umberto Ecos Vortrag "Für eine semiologische Guerrilla" (New York 1967) (In: Umberto Eco, Über Gott und die Welt. Essays und Glossen. Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber. München, Wien 1985) und könnte einen Zusammenhang herstellen zu den Luther-Blisett-Fälschungen (vgl. Handbuch der Kommunikationsguerilla. Verlag Libertäre Assoziation Hamburg o. J. [1997]).

Ein Definition/Beschreibung von Fakes charakterisiert sehr gut die Textsorte, läßt aber auch im Kontrast erkennen, dass (bisher, so weit erkennbar), die Nihilartikel in ihren Intentionen kaum über die Stufe von (Insider-)Scherzen (etwa in den Lexikonredaktionen und bei einem Teil der Leser) hinausreichen:

"Ein gutes Fake verdankt seine Wirkung dem Zusammenwirken von Imitation, Erfindung, Verfremdung und Übertreibung herrschender Sprachformen. Es ahmt die Stimme der Macht möglichst perfekt nach, um für einen begrenzten Zeitraum unentdeckt in ihrem Namen und mit ihrer Autorität zu sprechen [...]. Ziel ist, [...] einen Kommunikationsprozeß auszulösen, bei dem – oft gerade durch die (beabsichtigte) Aufdeckung der Fälschung – die Struktur der gefaketen Kommunikationssituation selbst zum Thema wird. [...]" (Handbuch o.c. S. 65)

Die kleinen Angriffe der Nihilartikel auf die Verläßlichkeit von Information im traditionellen Medium Lexikon sind sicher harmlose (literarische) Spiele gegenüber den Möglichkeiten der Desinformation und der Unsicherheit von Information im Netz.

Die Literatur über (literarische) Fälschungen bzw. über Parodie, Travestie und Pastiche scheint das Phänomen bisher zu übergehen oder nur zu streifen, wohl vor allem deshalb, weil die nichtliterarische Textsorte, die Gebrauchstexte überhaupt nicht mit im Blickfeld sind. (vgl. etwa: J. A. Farrer, Literarische Fälschungen. Mit einer Einführung von Andr. Lang. Aus dem Englischen von Fr. J. Kleemeier. Leipzig 1907. Elisabeth Frenzel, Fälschungen, literarische. In: Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte. Berlin 2.Aufl.1958. Bd. 1, S. 444-450. Karl Corino (Hg.), Gefälscht! Betrug in Politik, Literatur, Wissenschaft, Kunst und Musik. Nördlingen 1988. Werner Fuld, Das Lexikon der Fälschungen. Fälschungen, Lügen und Verschwörungen aus Kunst, Historie, Wissenschaft und Literatur. Frankfurt 1999. Eichborn Lexikon. Jetzt auch: München, Zürich 2000=Serie Piper 3011. Diagonal. Zeitschrift der Universität-Gesamthochschule-Siegen. Zum Thema: Fälschungen. 1994, Heft 2. Alfred Liede, Parodie. In: Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte. Berlin, New York 2.Aufl.1977. Bd. 3, S. 12-72. Theodor Verweyen, Gunther Witting, Die Parodie in der neueren deutschen Literatur. Eine systematische Einführung. Darmstadt 1979. Wolfgang Karrer, Parodie, Travestie, Pastiche. München 1977=UTB 581.Winfried Freund, Die literarische Parodie. Stuttgart 1981= Sammlung Metzler Bd. 200). Im Feuilleton finden sich gelegentlich Glossen zu einzelnen Stichwörtern, auch zusammenfassende Darstellungen und Beispielsammlungen (z. B.: Michael Riegel, Fehlerquelle. In: Süddeutsche Zeitung Magazin 41, 1998. Katharina Hein, Der Orthodidakt. In: Berliner Morgenpost 16.7.2000).

Die (bisher entdeckten) realen, d. h. bibliographisch nachweisbaren Nihilartikel stehen im Kontrast zu literarischen Lexikon-Fiktionen, z. B. dem Eintrag "Uqbar" in "The Anglo-American Cyclopaedia (New York, 1917)", der zugleich vorhanden und nicht vorhanden ist, und den Artikeln in "A First Encyclopaedia of Tlön, Vol. XI, Hlaer to Jangr", die für den Erzähler etwas weit Kostbareres und Schwierigeres" darstellen als "die zusammenfassende Beschreibung eines falschen Landes", die er "in einem Band einer gewissen Raubdruck-Enzyklopädie" "entdeckt" hatte. (Jorge Luis Borges, Tlön, Uqbar, Orbis Tertius [1941]. In: Jorge Luis Borges, Fiktionen (Ficciones). Erzählungen 1939-1944. Übersetzt von Karl August Horst, Wolfgang Luchting und Gisbert Haefs. Frankfurt 1992. Werke in 20 Bänden, Bd. 5 = Fischer Taschenbuch 10581)

Die Nihilartikel unterscheiden sich von der Form des Wörterbuch-/Lexikonartikels als satirischer Schreibweise in anderen Kontexten/Medien primär durch ihren Charakter als Konterbande. Dass Enzyklopädie/Lexikon/Wörterbuch als satirische Großformen dienen können, sei hier nur angemerkt. Als Beispiel verweise ich lediglich auf Ambrose Bierce, dessen bitterböse Lexikon-/Wörtbuchdefinitionen seit 1881 in der satirischen Wochenschrift "The Wasp" (San Francisco), dann in verschiedenen Zeitungen und schließlich gesammelt als "The Cynic's Word Book" (1906) bzw. "The Devil's Dictionary" (1911) erschienen. Selbstverständlich kommen dort die Autoren von Wörterbüchern/Lexika nicht gut weg: "Lexikograph, subst.masc. Ein Schädling, [...]" (Ambrose Bierce, Aus dem Wörterbuch des Teufels. Auswahl, Übersetzung und Nachwort von Dieter E. Zimmer. Frankfurt 1966 = Insel-Bücherei Nr. 890). (S, Dezember 2001)

Table of contents
1 Eine vorläufige Fundstellenliste (S)
2 Ergänzungen
3 Weblinks

Eine vorläufige Fundstellenliste (S)

Ergänzungen

In Wikipedia: Wikipedia:Humor in der Wikipedia

Weblinks

Eine umfangreichere Sammlung im Netz scheint nicht zu existieren. (u.a. Auskunft: og@carpe.com (Oliver Gassner) 20.11.2001.)



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