Der letzte Mann
Mit dem Film „Der letzte Mann“ liefert der Regisseur Friedrich Murnau eine Parabel über die Wechselhaftigkeit des Lebens nach dem Muster des mittelalterlichen Glücksrads: „Heute bist Du der Erste, geachtet von Allen, ein Minister, ein General, vielleicht sogar ein Fürst – weißt Du, was Du morgen bist?!“, heißt es im Vorspann. Die besondere Stellung dieses Ersten wird in „Der letzte Mann“ zwar nicht durch eine militärische Uniform herausgestellt, wie man im Berlin der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts hätte erwarten dürfen, sondern durch die Livree des Portiers eines Luxushotels. Sie gibt ihm jedoch ein ähnliches Selbstwertgefühl: Begleitet von Marschmusik stolziert der Portier in seiner prächtigen Livree nach Hause ins Arbeiterviertel, wo er von allen bewundert wird.Durch den Verlust der Livree wird der soziale Abstieg versinnbildlicht: Der alte Portier wird zum Toilettenwächter degradiert; verlacht von den Nachbarn und verstoßen von seinen Verwandten zieht sich der Alte, zum „letzten Mann“ geworden, in den Keller zurück. Doch das Rad der Fortuna dreht sich weiter: Dank des von einem reichen Kunden hinterlassenen Vermögens wird der Toilettenmann ein umworbener Hotelgast. Dieses durch den einzigen Zwischentitel des ganzen Filmes eingeleitete Nachspiel darf nicht als aufgesetztes Happy-End aufgefasst werden. Dieser Schluss führt vielmehr, allerdings mit umgekehrten Vorzeichen, die eingangs gestellte Frage fort: Wer heute der Letzte ist, kann morgen wieder der Erste sein. Unentwegt dreht das Schicksal sein Rad.
„Der letzte Mann“ stellt in der Entwicklung der Filmtechnik und -kunst einen Meilenstein dar. Neben der Assimilation wesentlicher Elemente aus dem Expressionismus wie Traumsequenzen mit Überblendungen und Spezialeffekts wenden darüber hinaus in „Der letzte Mann“ Regisseur Murnau und Kameramann Karl Freund erstmalig in ausgereifter Form an, was „entfesselte Kamera“ genannt wurde. Die Eingangsszene, als die Kamera im Fahrstuhl durch verschiedene Stockwerke und anschließend durch die Lobby des Hotels bis zu dessen Drehtür fährt, könnte sogar als die erste Eröffnungs-Plansequenz der Filmgeschichte angesehen werden. Obwohl die bewegte Kamera bereits in früheren Stummfilmen eingesetzt worden war, spielte sie in „Der letzte Mann“ deshalb eine herausragende Rolle, weil sie den subjektiven Standpunkt des Portiers übernahm und dadurch seinen Gefühlen besonderen Ausdruck verlieh.
Die vom prominenten Murnau-Kenner Luciano Berriatúa aus den ursprünglichen drei Fassungen besorgte Rekonstruktion von „Der letzte Mann“ wurde am 8. Februar 2003 im Rahmen der Murnau-Retrospektive bei der Berlinale uraufgeführt. Besondere Erwähnung verdient die brillante Instrumentierung und Ergänzung der überlieferten Originalmusik von Giuseppe Becce durch Detlev Glanert.






